Der Gute Mensch von Sezuan

Wer Sorge hat, bei der Konstanzer Aufführung vom Guten Menschen von Sezuan von Brecht’scher Bühnendidaktik in alte Schulaufsatzqualen zurückversetzt zu werden, kann beruhigt sein. Das Stück kommt locker und modern daher. Auf der Bühne werden Pop-Songs geschmettert, die Gestaltung ist edel in Schwarz und Weiß gehalten und mit Rauch und akustischen Effekten wird nicht gespart. Und wenn die Schauspieler plötzlich streiten und so tun, als seien sie sich uneinig, wie eine Szene zu spielen sei und wenn der Inspizient auf die Bühne kommt und die Schauspieler in ihre Rollen zurückschiebt, dann denken wir: ja, das ist Brecht, und freuen uns über die gelungene Auffrischung seines V-Effekts. Und damit ist dann auch alles gut, wie uns die Schauspieler beim Verlassen des Theatersaals noch einmal zeigen, wenn sie nach dem Applaus auf der Bühne mit Sektgläsern anstoßen und ihr gelungenes Spiel feiern.

Alles gut also? Nun, neben der Form gibt es natürlich auch noch den Inhalt. Und den haben die Theatermachenden nicht ins Hier und Jetzt übertragen. Das ist auch nicht nötig, denn das Stück ist vielleicht heute aktueller als zu Brechts Zeiten. Man muss nur den Titel leicht abwandeln zum Gutmenschen von Sezuan und schon spritzen die Zeitthemen hervor. Denn was gut ist und was nicht und wer gut ist und wer nicht und wer das bestimmt, das wird spätestens seit Merkels Grenzöffnung heißdiskutiert. Bei etwas niedrigerer Temperatur stößt man dabei auf die Begriffe Gewissensethik und Verantwortungsethik.

Darum, wie man gut sein kann, in einer weniger guten Welt, geht es auch im Stück. Drei Götter, vertrocknet, weltfremd und hochgradig unempathisch schauen mal nach, ob es noch Menschen gibt, die sich an die von ihnen aufgestellten, hehren Prinzipien halten. Sie finden nur die Prostituierte Shen Te, die ihnen eigentlich auch kein Quartier geben will, denn sie braucht ihre Bude um Freier zu empfangen und so ihre Miete zahlen zu können. Doch sie kann halt nicht nein sagen und lässt sich vom Wasserträger Wang bequatschen. Als sie den Göttern am anderen Morgen erklärt, dass sie eigentlich gar kein guter Mensch sein kann, weil sie arm ist, geben ihr diese entgegen ihren Prinzipien Geld. Sie kauft ein Tabakgeschäft und da sie nicht nein sagen kann und Gutes tun will, ist ihr Laden bald voll mit einer schnorrenden Großfamilie, steht die Vermieterin, die auf Miete pocht vor der Tür und hat sie den Schreiner mit seinen unverschämten Geldforderungen am Hals. Shen Te ist schon nach einem Tag pleite.

Nun beginnt sie ein Doppelspiel. Als angeblicher Vetter Shui Ta verkleidet, betritt sie am anderen Morgen den Laden und räumt auf, schmeißt die Schnorrer raus, vertröstet die Vermieterin und speist den Schreiner mir zwei Münzen ab. Sie ist dann mal Shen Te, die Frau und der gute Engel der Vorstadt, dann wieder der böse Mann Shui Ta, der sie raushaut. Es kulminiert, als Shen Te sich zwischen zwei Männern entscheiden muss: Dem selbstmordgefährdeten Taugenichts Yang Sun, der vor allem an ihrem Geld interessiert ist und dem Barbier Shu Fu, der wohlhabend ist, sie liebt und ihr Gebäude zur Verfügung stellen will, damit sie Flüchtlingen Obdach geben kann. (Der einzige Zeitbezug, übrigens.) Sie entscheidet sich natürlich für Yang Sun, der sie schwängert und dann die Hochzeit platzen lässt, weil das Geld nicht kommt. Fortan sehen wir Shen Te nicht mehr, sondern nur noch Shui Ta, der den kleinen Laden zu einem Tabakimperium ausbaut, Arbeitsplätze schafft, aber kriminellen Methoden keineswegs abhold ist. Schließlich ist ein Kind im Werden, und das will versorgt sein.

In der letzten Szene sitzen dann die Götter zu Gericht über Shui Ta beziehungsweise Shen Te. Natürlich wird kein Urteil gefällt. Wir erinnern uns: Brecht. Wir sind es also, die sich ein Urteil bilden sollen. Das mag sich Brecht vielleicht so gedacht haben, aber das Theaterteam hat dagegen gearbeitet und den Schwerpunkt im Stück auf sinnfreie Show und Effekte gelegt. Hätten diese Kunstgriffe einem Zweck gedient, nämlich dem, die doch so wichtige Frage nach dem richtigen Guten mit Gehalt aufzuladen, wären die Zuschauer vielleicht angeregt worden, im Anschluss nach einer Antwort gesucht. Vielleicht hätte man dann auch gemerkt, dass die Hauptdarsteller nicht überzeugen und vielleicht wäre man auf die Idee gekommen, statt nach der Aufführung auf der Bühne Sekt zu schlürfen und sich in den Armen zu liegen, darüber zu streiten, ob denn nun Shen Te oder Shui Ta der gute Mensch sei. Aber so haben sich Spielende und Schauende lediglich darin bestätigt, eine kunstbeflissene Gemeinde zu sein.

Aber vielleicht ist es das ja, was Theater in der heutigen Zeit sein soll: Unterhaltung und Ablenkung. Das wahre Theater findet vielleicht woanders statt, dort wo Genosse Martin das gute Thema Gerechtigkeit neulich zu 100% auf die Tagesordnung gesetzt hat. Wenn also Schulz einen auf Shen Te macht, wie sieht dann wohl Shui Ta aus? In einem halben Jahr dürfen wir jedenfalls Götter spielen.

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