Der Meister und Margarita

Ich muss vorwegschicken, dass „Der Meister und Margerita“ von Michail Bulgakow zu meinen absoluten Lieblingsbüchern zählt, eines auf der Liste für die einsame Insel. Da ist man natürlich immer schnell von einer Umsetzung als Film oder Theaterstück enttäuscht. Doch hier war es anders, die Aufführung war gewissermaßen das Buch in Kurzfassung. Mehr noch als das: Die Darbietung der Konstanzer Schauspieler, die durchweg überzeugen konnten, haben mir einige Szenen ernsthafter erscheinen lassen (und das wohl zu Recht), als ich dies aus dem Buch erinnert hatte.

Den Inhalt des Stücks wiederzugeben ist einigermaßen hoffnungslos, es hat Faustische Ausmaße. So wie Goethe am Faust sein Leben lang gearbeitet hat, so hat Bulgakow an seinem Meister lange geschrieben. Und so wie Goethe Gott und Teufel mit dem irdischen und irrenden Menschen zusammenbringt, so tut es auch Bulgakow. Allerdings nicht in Deutschland um 1500 sondern in Moskau zur Zeit Stalins.

Der Teufel („Voland“) besucht die atheistische Hauptstadt des Sozialismus, um nachzuschauen, ob sich etwas verändert hat und macht dabei allerhand derbe Späße mit den Bewohnern. Neben diesem vordergründigen Geschehen geht es um Jesus und Pilatus, dessen Feigheit genauso aufscheint, wie die der Moskauer Spießbürger, die damit letztendlich den Stalinismus aufrechterhalten. Dazwischen bewegt sich die Geschichte zwischen dem Meister, einem Schriftsteller der die Geschichte von Pontius Pilatus und Jesus aufgeschrieben hat und seiner Geliebten Margarita, die am Ende zur Hexe mutiert.

Es sind pralle Bilder, die der Zuschauer zu sehen bekommt. Die Straßenbahn auf der Bühne kann zwar nicht wirklich überzeugen, aber die Varietévorführung als Theater im Theater oder die Kreuzigung Jesu im Irrenhaus oder das Fest des Teufels bleiben nachhaltig haften. Es ist wohl vor allem der Regie von Andrej Woron zu verdanken, dass die Tiefe von Bulgakows Werk trotz des Spektakels erhalten blieb.

Beim Verlassen des Theaters hatte ich dann den Gedanken, dass das Thema der neuen Saison, nämlich die Religion, vielleicht dazu führt, dass plumpe Adaptionen essentieller Themen an den politisch korrekten Zeitgeist etwas zurückgedrängt werden. Ein Blick in das Programmheft von Meister und Margarita hat mich aber ernüchtert. Religiöse Überzeugungen und profanes Leben auf Fiktion und Wirklichkeit zu verkürzen zeugt schon von einem sehr schlichten Weltbild. Das Werk Bulgakows aber als Illustration für Fake-News zu bezeichnen ist nur dümmlich. Dieser, von der Medienindustrie in ihrem verzweifelten Versuch, die verspielte Deutungshoheit zurückzugewinnen, geprägte Kampfbegriff hat, wenn überhaupt, seinen Definitionsbereich in der Sphäre der politischen Propaganda. In die Themen von Bulgakows Werk passt er etwa so gut wie ein Schwein ins Uhrwerk.

Doch hat es mich versöhnt, als ich bemerkte, wie wunderbar dieser Kommentar mit den verzweifelten Ankündigungen des Varieté-Direktors Lichodejew übereinstimmt, der den Moskauer Zuschauern von Volands Vorführungen versichert, es seien alles nur Tricks und am Ende würde der Magier sie erklären. Schließlich glaube der aufgeklärte Marxist nicht an Hokuspokus. Wer von Religion auf Fake-News kommt meint auch bestimmt, es gäbe keine Wahrheit jenseits des ARD Faktenchecks.

Unter diesen Umständen hoffe ich, dass auch in Zukunft Schauspieler und Regie die Dramaturgen wenn nötig ausspielen.

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