Die Farbe des Lachens

Auf der einen Seite gibt es ein Stück, auf der anderen Seite die Aufführung. Eine schwache Inszenierung kann ein gutes Stück kaputtspielen. Ein gutes Ensemble kann aber auch ein mittelmäßiges Stück zu einem Juwel transformieren. Genau das durfte ich bei der Premiere von „Die Farbe des Lachens“ genießen.

Im Untertitel heißt es: Eine burundisch-deutsche Überschreibung von Labiches „Die Affäre Rue de Lourcine“. Das Besondere war gewiss nicht Eugen Labiches Komödie. Sie ist schnell erzählt. Ein Mann findet sich morgens in seinem Bett mit einem anderen Mann. Beide haben einen Filmriss, erkennen sich aber als alte Schulkameraden. Sie erfahren, dass in der Nacht eine Frau ermordet wurde und die Indizien verdichten sich, dass sie die Schuldigen sind. Um ihr Verbrechen zu verheimlichen, bringen sie im Laufe des Stücks zwei vermeintliche Mitwisser um. Am Ende stellt sich dann heraus, dass der Zeitungsartikel, in dem von dem Mord berichtet wurde, schon viele Jahre alt ist. Nun ja. Wenn man es so liest, ist es gar nicht lustig. Vielleicht hatte Labiche gedacht, für das Lustigmachen sind die Schauspieler da.

Womit wir dann bei der burundisch-deutschen Schauspieltruppe wären und ihrer unglaublichen Inszenierung. Das Stück wird im Großen und Ganzen zweimal gespielt, einmal von den weißen, und einmal von den schwarzen Schauspielern. Aber wie! Mal hintereinander, mal gleichzeitig, mal sprechen die einen, während die anderen spielen, mal umgekehrt, mal mischen sich die Ensembles, mal sind sie streng getrennt, das Ganze in vier Sprachen gemischt. Und immer wieder treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus und beratschlagen, wie es weitergeht oder beschimpfen sich, weil etwas nicht gut genug gespielt wird. Ein wahrhaft verwirrender Aufführungsstilmix und höchst amüsant.

Trotz aller Gaudi und dem Feuerwerk an Regieeinfällen geht der Inhalt von Labiches Komödie nicht unter. Stück für Stück entwickelt sich das letztlich dramatische Geschehen. Und je mehr sich das Geschehen entfaltet, unterstützt die Inszenierung den Inhalt. Fast schon gänsehautproduzierend ist die Szene in der die burundischen Schauspieler zu den Off-Stimmen der deutschen Schauspieler pantomimen.

Nun geht Labiches Komödie nicht nur nicht im Aufführungstrubel unter, sondern kann schlussendlich ihre Botschaft sogar erfolgreich überbringen. Das liegt vor allem an der burundisch-deutschen Kombination. Das Projekt von Schauspielern aus einem der ärmsten Länder und einem der reichsten ist außergewöhnlich und lohnt den Blick ins Programmheft. Schauspielerei in einem Land, das noch das Grauen des Genozids zwischen Hutu und Tutsi verarbeitet, ist natürlich anders als in einem übersättigten Land, in dem ein Kompliment an eine Beauftragte für Bürgerschaftliches Engagement zum Skandal reicht. Wer jedoch meint, im Stil der Aufführung dem kulturellen Hintergrund nachspüren zu können oder sollen, muss aufpassen, nicht den eigenen (rassistischen) Vorurteilen zu erliegen.

Es ist ein besonderer Kniff, mit dem es dem Stück gelingt, die Herkunft der Schauspieler und Labiches Stück zu verbinden. Zwischen den einzelnen Szenen erzählen die Schauspieler Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Und während diese Geschichten zu Beginn noch keinen Bezug zum Stück haben und noch unverbundenen nebeneinanderstehen, wachsen sie im Laufe der Zeit immer mehr zusammen. Eine Geschichte eines Autounfalls die in Niedersachsen beginnt, wird in Burundi fortgesetzt ohne dass dies irgendwelche Fragen aufwirft. Wunderbar am Ende dann die Geschichte, die eine burundische Hochzeit mit einer DDR-LPG verbindet. Und spätestens, wenn man nach Hause geht, merkt man, dass es in den Geschichten um irgendwie schuldlose Schuldverstrickung geht, was ja auch der Inhalt von Labiches Komödie ist.

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Der Meister und Margarita

Ich muss vorwegschicken, dass „Der Meister und Margerita“ von Michail Bulgakow zu meinen absoluten Lieblingsbüchern zählt, eines auf der Liste für die einsame Insel. Da ist man natürlich immer schnell von einer Umsetzung als Film oder Theaterstück enttäuscht. Doch hier war es anders, die Aufführung war gewissermaßen das Buch in Kurzfassung. Mehr noch als das: Die Darbietung der Konstanzer Schauspieler, die durchweg überzeugen konnten, haben mir einige Szenen ernsthafter erscheinen lassen (und das wohl zu Recht), als ich dies aus dem Buch erinnert hatte.

Den Inhalt des Stücks wiederzugeben ist einigermaßen hoffnungslos, es hat Faustische Ausmaße. So wie Goethe am Faust sein Leben lang gearbeitet hat, so hat Bulgakow an seinem Meister lange geschrieben. Und so wie Goethe Gott und Teufel mit dem irdischen und irrenden Menschen zusammenbringt, so tut es auch Bulgakow. Allerdings nicht in Deutschland um 1500 sondern in Moskau zur Zeit Stalins.

Der Teufel („Voland“) besucht die atheistische Hauptstadt des Sozialismus, um nachzuschauen, ob sich etwas verändert hat und macht dabei allerhand derbe Späße mit den Bewohnern. Neben diesem vordergründigen Geschehen geht es um Jesus und Pilatus, dessen Feigheit genauso aufscheint, wie die der Moskauer Spießbürger, die damit letztendlich den Stalinismus aufrechterhalten. Dazwischen bewegt sich die Geschichte zwischen dem Meister, einem Schriftsteller der die Geschichte von Pontius Pilatus und Jesus aufgeschrieben hat und seiner Geliebten Margarita, die am Ende zur Hexe mutiert.

Es sind pralle Bilder, die der Zuschauer zu sehen bekommt. Die Straßenbahn auf der Bühne kann zwar nicht wirklich überzeugen, aber die Varietévorführung als Theater im Theater oder die Kreuzigung Jesu im Irrenhaus oder das Fest des Teufels bleiben nachhaltig haften. Es ist wohl vor allem der Regie von Andrej Woron zu verdanken, dass die Tiefe von Bulgakows Werk trotz des Spektakels erhalten blieb.

Beim Verlassen des Theaters hatte ich dann den Gedanken, dass das Thema der neuen Saison, nämlich die Religion, vielleicht dazu führt, dass plumpe Adaptionen essentieller Themen an den politisch korrekten Zeitgeist etwas zurückgedrängt werden. Ein Blick in das Programmheft von Meister und Margarita hat mich aber ernüchtert. Religiöse Überzeugungen und profanes Leben auf Fiktion und Wirklichkeit zu verkürzen zeugt schon von einem sehr schlichten Weltbild. Das Werk Bulgakows aber als Illustration für Fake-News zu bezeichnen ist nur dümmlich. Dieser, von der Medienindustrie in ihrem verzweifelten Versuch, die verspielte Deutungshoheit zurückzugewinnen, geprägte Kampfbegriff hat, wenn überhaupt, seinen Definitionsbereich in der Sphäre der politischen Propaganda. In die Themen von Bulgakows Werk passt er etwa so gut wie ein Schwein ins Uhrwerk.

Doch hat es mich versöhnt, als ich bemerkte, wie wunderbar dieser Kommentar mit den verzweifelten Ankündigungen des Varieté-Direktors Lichodejew übereinstimmt, der den Moskauer Zuschauern von Volands Vorführungen versichert, es seien alles nur Tricks und am Ende würde der Magier sie erklären. Schließlich glaube der aufgeklärte Marxist nicht an Hokuspokus. Wer von Religion auf Fake-News kommt meint auch bestimmt, es gäbe keine Wahrheit jenseits des ARD Faktenchecks.

Unter diesen Umständen hoffe ich, dass auch in Zukunft Schauspieler und Regie die Dramaturgen wenn nötig ausspielen.

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